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AGS im 19. Jahrhundert

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Durch die industrielle Entwicklung am Anfang des 19. Jahrhunderts wurde erkennbar, dass die Selbstständigen zusehends unter wirtschaftlichen Duck gerieten.

Das damals gültige Wahlrecht gab den Abhängigen und den Besitzlosen keine Möglichkeit, durch Wahlen auf die Politik Einfluss zu nehmen. Die Selbstständigen hatten aufgrund des Ständewahlrechts eine bessere Position. Das damalige Wahlrecht prägte für diese Gruppe den politischen Begriff "Mittelstand".

Weitsichtige und liberale Selbstständige erkannten den Arbeiter als den gegebenen Bundesgenossen und setzten sich an die Spitze der sich entwickelnden Arbeiterbewegung. Fast alle im 19. Jahrhundert geborenen Arbeiterführer gehörten zum wahlrechtlichen Mittelstand und mussten sich ihren Lebensunterhalt selbstständig verdienen:

1818 Karl Marx - Sohn eines selbstständigen Rechtsanwalts
1820 Friedrich Engels - Fabrikbesitzer
1823 Ludwig Bamberger - Rechtsanwalt
1825 Ferdinand Lassalle - Rechtsanwalt und Sohn eines reichen Kaufmanns
1826 Wilhelm Liebknecht - Einzelhändler
1840 August Bebel - selbstständiger Drechslermeister
1846 Franz Mehring - Betreiber eines Landgutes in Pommern
1850 Georg von Vollmar - uralte Adel-Oberschicht
1852 Viktor Adler - anerkannter Nervenarzt
1863 Hugo Haase - selbstständiger Rechtsanwalt
1865 Philipp Scheidemann - Sohn eines Möbelfabrikanten
1870 Rosa Luxemburg - Tochter eines reichen Kaufmanns
1871 Friedrich Ebert - selbstständiger Gastwirt in Bremen
1871 Karl Liebknecht - selbstständiger Rechtsanwalt
1872 Otto Braun - Geschäftsführer
1873 Otto Wels - Sohn eines Berliner Gastwirts
1873 Paul Lensch - selbstständiger Rechtsanwalt
1874 Rudolf Breitscheit - Buchhändler und Geschäftsführer
1874 Ludwig Frank - selbstständiger Rechtsanwalt
1874 Friedrich Stampfer - selbstständiger Kaufmann
1875 Karl Severing - Geschäftsführer
1876 Hermann Müller - Kaufmann und Sohn eines Fabrikbesitzers
1877 Rudolf Hilferding - Arzt und Sohn eines reichen Kaufmanns

Dass die Selbstständigkeit nicht entsprechend der Thesen Karl Marx aus dem wirtschaftlichen Gefüge verdrängt wurde, ist wesentlich den durch sozialdemokratische Politik eingeleiteten gesellschaftlichen Veränderungen zu verdanken. Selbstständige haben dabei von Anfang an die Arbeiterbewegung befruchtet und ihr letztendlich zum Durchbruch verholfen. Am 23. Mai 1863 gründete Ferdinand Lassalle den "Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein", aus dem die SPD hervorging. Wilhelm Liebknecht, August Bebel, Otto Wels und sehr viele andere Selbstständige stellten innerhalb der SPD eine vorantreibende Kraft dar. August Bebel war 1869 maßgeblich an der Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei SDAP beteiligt. In der Zeit des Sozialistengesetzes ("Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie") 1878-1890 wurde August Bebel zum unumstrittenen Führer der SPD. Parallel zu seinem politischen Aufstieg führte Bebel seinen Betrieb mit mehreren Mitarbeitern bis die gleichzeitige Arbeit als Reichstags- und sächsischer Landtagsabgeordneter sowie Parteivorsitzender die Konzentration auf die politische Arbeit notwendig machte.

In Bremen war der erste sozialdemokratische Abgeordnete in der Bürgerschaft ein Selbstständiger. Johann Meyer, Weißbäcker, Kastningstr. 42 im Stephaniviertel kam aus der vierten Wählerklasse. Der erste Vorsitzende der SPD-Fraktion in der Bremischen Bürgerschaft war der Selbstständige Friedrich Ebert, der spätere erste demokratisch gewählte Reichspräsident.